Post Growth Entrepreneurship
28. Juli 2025
Einleitung und Hintergrund
Tari Wiencke Eine kritische Analyse der Startup-Ökonomie und ihrer Wachstumsfallen 28.07.2025
Auf meiner Suche nach meiner Forschungsfrage für meine Bachelorarbeit bin ich auf einen spannenden TED-Talk von Melanie Rieback gestoßen. Als CEO hat sie die erste Non-Profit-IT-Sicherheitsfirma gegründet. In ihrem Vortrag zum Thema Post-Growth Entrepreneurship geht sie auf die Problematiken der neoliberalen Startup-Ökonomie ein und zeigt Alternativen auf. Zudem hat sie einen Kurs an der Universität von Amsterdam entwickelt, den ich in diesem Essay durcharbeiten möchte. Mit ihrem Unternehmen hat sie mit inzwischen 50 Mitarbeitenden 750.000 € in fink Jahren an NGOs gespendet. 90 % des Jahresgewinns müssen gesetzlich gespendet werden. Außerdem hat sie das Unternehmen Non-Profit Ventures als Inkubator für ähnliche Ideen gegründet.
Der Kurs dient als Ausgangslage für meine Literaturrecherche zum Thema Post-Growth Entrepreneurship. Der Kurs zeigt eine neue Art von Unternehmertum auf, die Wohlstand ohne grenzenloses Wachstum ermöglichen soll. In erster Linie hinterfragt der Kurs mentale Modelle, Grundannahmen und Konzepte, auf denen Wirtschaftsbildung heutzutage basiert.
Kritik der aktuellen Entrepreneurship-Ausbildung
Auch wir bei GIF hinterfragen meiner Meinung nach nicht genug den Status quo, sondern lernen, in diesem nach bestem Wissen und Gewissen zu handeln. Wir haben zwar Kurse wie Social Entrepreneurship und hinterfragen unser Handeln kritisch in Modulen wie Gesellschaft, Wirtschaft, Entrepreneurship. Nach der Einordnung in das Eisberg-Modell vom Club of Rome zum Systemwandel lernen wir zwar, Muster und Strukturen zu hinterfragen und in Teilen sogar bis zu den mentalen Modellen vorzustoßen, wenden dies aber nicht in genügender Tiefe auf neue Geschäftsmodelle an. Wir lernen Ideen wie diese in der Theorie, können sie aber aufgrund fehlenden Grundlagenwissens nicht anwenden.
Was meine ich mit Grundlagenwissen? Eben jenes Wissen, das der Kurs vermittelt. Warum brauchen wir Wachstum in den aktuellen Finanzstrukturen? Wer profitiert wirklich von Startup-Inkubatoren? Was sind die Teile des Wirtschaftssystems, die wir immer kritisieren? Wie hängt die Wahl deiner Unternehmensform mit dem notwendigen Systemwandel zusammen? Was ist das Problem mit Venture Capital? Warum ist ISS (Institutional Shareholder Services) das wahrscheinlich mächtigste Unternehmen der Welt? Und wie schaffen es Einzelpersonen und kleine Initiativen, das Wirtschaftssystem nachhaltig zu verändern?
Hinter diesen hochrelevanten und tiefgreifenden Fragen stecken spannende Ideen und Konzepte sowie der Wille, das System wirklich zu verstehen: Financial Extraction, Greater Fool Theory, Narrative (z. B. Skalierung, Exit, Unicorns, Angel Investment), Liquidation Preferences, 2-and-20 Fee Structure, Modern Monetary Theory (MMT), Steward Ownership, Exit to Community, Shadow Banking, Greenwashing. Dies stellt nur einen kleinen Ausschnitt der Konzepte dar, die in diesem Kurs aufgearbeitet werden. Es gleicht einem Skandal, dass ich mit einem fast abgeschlossenen Hochschulabschluss in Unternehmertum und einem Abitur in BWL/VWL von den wenigsten dieser Konzepte vorher gehört habe. Wie sollen wir innovative Geschäftsmodelle gestalten und Impact generieren, wenn wir das System nicht verstehen, in dem wir handeln?
Bevor es in eine Kritik gegenüber unserem Bildungssystem ausartet, möchte ich mich wieder fassen und eine Einführung in diese Thematik geben.
Das Eisberg-Modell und mentale Modelle
Um das aktuelle Wirtschaftssystem besser zu verstehen, ist das Eisberg-Modell ein hilfreiches Werkzeug. Es stammt aus dem systemischen Denken und wurde unter anderem vom Club of Rome popularisiert. Das, was wir in der Welt beobachten (Firmenzusammenbrüche, Finanzkrisen oder Greenwashing-Skandale), ist nur die sichtbare Spitze des Eisbergs. Unterhalb der Oberfläche verbergen sich tiefere Ursachen: wiederkehrende Muster, systemische Strukturen und – ganz unten – die mentalen Modelle, also unsere grundlegenden Annahmen darüber, wie Wirtschaft funktioniert.
Der Kurs fordert zu einem Umdenken auf. Statt nur Symptome zu bekämpfen, sollen wir die verankerten Denkweisen hinterfragen, die unser unternehmerisches Handeln prägen. Ein zentrales mentales Modell ist der Wachstumsimperativ: die Vorstellung, dass Unternehmen nur dann erfolgreich sind, wenn sie kontinuierlich wachsen. Umsatzmaximierung und Marktdurchdringung sind noch immer Unterrichtsmaterial an Hochschulen und Schulen. Dieses Narrativ funktioniert allerdings nicht in einer Welt mit endlichen Ressourcen.
Auch die Logik des Wettbewerbs wird selten infrage gestellt. Unternehmerische Bildung vermittelt häufig die Idee, dass Märkte ein Nullsummenspiel seien, in dem nur die effizientesten Akteure überleben. „Essen oder gegessen werden“, heißt es – und das Joint Venture wurde mir an der BBS unkritisch als effektive Form der Gewinnmaximierung vorgestellt. Der Mensch hat sich als Spezies allerdings nicht durch Konkurrenz, sondern durch Kooperation, Empathie und Freundlichkeit durchgesetzt (mehr dazu im Buch Im Grunde gut von Rutger Bregman).
Die Mechanismen von Financial Extraction und Venture Capital
Ein weiteres zentrales Konzept ist die Financial Extraction. Hierbei werden Gewinne aus Unternehmen hin zu externen Investoren durch Dividenden, Aktienrückkäufe oder Exit-Strategien umgeleitet. Dadurch wird Kapital nicht reinvestiert, sondern dem Wirtschaftskreislauf entzogen.
Dieser Prozess wird durch Finanzierungsformen wie Venture Capital verstärkt, bei denen bereits zu Beginn ein Exit das erklärte Ziel ist. Auch wenn es vielleicht nicht so kommuniziert wird – die Anreize für das VC-Management-Team sprechen eine eindeutige Sprache: Die Vergütungsstruktur basiert fast vollständig auf dem erfolgreichen Exit. Das Management-Team (General Partners) hat oft 20 % Gewinnbeteiligung am Exit-Erlös. Nachhaltige, sich aus Kundenerlösen selbst tragende Unternehmensmodelle stehen im Widerspruch zu den Interessen der General Partners.
Zudem erhalten sie (im klassischen Modell) eine 2 % jährliche Verwaltungsgebühr. Klingt wenig? Nicht, wenn man beachtet, dass der Großteil der VCs nicht den Börsendurchschnitt erreicht oder sogar Geld verliert. (Der Median ist deutlich geringer als der Mittelwert, was bedeutet, dass wenige VCs überdurchschnittlich viel Gewinn machen. In jedem Fall legen Studien nahe, dass VCs oft nicht so performant sind, dass es sich für Anleger lohnt. Die genaue Studienlage habe ich allerdings nicht untersucht.) Noch viel absurder wird es, wenn man bedenkt, dass man beispielsweise über 25 Jahre mit der 2 %-Gebühr 50 % Kapitalverlust allein durch die Gebühren hat – Geld, das man hätte anlegen können.
Systemische Asymmetrien und Fehlanreize
Das klassische VC-Modell ist grundlegend extrem asymmetrisch. Die General Partners haben eine Grundsicherung von 2 % als Verwaltungsgebühr. Start-ups werden nach dem Silicon-Valley-Vorbild mit Geld vollgepumpt, skaliert und dann auf einen Schlag durch den Exit veräußert. Dabei ist der Exit das Ziel vieler Entrepreneure, und die Ereignisse werden als Happening gefeiert. Die Sprache ist dabei glorifiziert: Angel Investor und das große Ziel, ein Unicorn zu werden. Die 90 % der Start-ups, die es nicht schaffen, werden vergessen, während die restlichen 10 % die Verluste auffangen müssen. Hier wurde hoffentlich deutlich, wie kleine Begrifflichkeiten und Annahmen die gesamte Startup-Ökonomie prägen.
Zugegebenermaßen nimmt das Essay eine sehr radikale, alternative Sichtweise ein. Wie immer liegt die Wahrheit irgendwo zwischen diesen zwei Narrativen. Da die klassische neoliberale Sichtweise uns allen bereits bekannt ist, habe ich hier die andere Extreme des Spektrums eingenommen. Nicht jedes VC hat eine solche Kostenstruktur und erst recht hat nicht jeder VC-Manager böse Absichten. Es sollte aber ohnehin ersichtlich geworden sein, dass es nicht an bösen Menschen liegt, sondern an einem toxischen System. Umso mehr ich mich mit dem Thema beschäftige, umso klarer wird: Geld regiert (leider) die Welt. Charlie Munger wird dieses Zitat zugeschrieben: „Zeig mir den Anreiz, und ich zeige dir das Ergebnis.”. Solange wir falsche Anreize setzen, brauchen wir uns über die Resultate nicht wundern.
Im zweiten Teil schaue ich mir konkrete Auswege aus diesem System an: Bootstrapping, Steward Ownership, Exit to Community und die Demokratisierung des Finanzsystems.