Post Growth Entrepreneurship (Teil 2)
28. Juli 2025
Einleitung: Wege aus der Wachstumsfalle
Im ersten Teil meiner Einführung in Post Growth Entrepreneurship habe ich mich mit den Grundlagen des aktuellen Finanzsystems beschäftigt und finanzielle Extraktion als Kernursache für das gegenwärtige Wachstumsparadigma identifiziert. Die Glorifizierung von Venture Capital (Angel Investor, Unicorn, etc.) und der Exit als ultimativer Erfolg spielen in das gegenwärtige System ein.
Wie angehende Unternehmer diesem System entkommen und als Gründer von alternativen Finanzprodukten dieses sogar „hacken“ können, möchte ich in diesem zweiten Teil besprechen.
Bevor wir alternative Finanzierungsmodelle und Unternehmensstrukturen anschauen, möchte ich den Mythos aufklären, dass soziale und ethische Ansätze zwangsweise unwirtschaftlich sein müssen im Vergleich zu „Business As Usual“. Vielmehr kann man die These aufstellen, dass diese gemeinwohlorientierten Unternehmen wirtschaftlich erfolgreicher sind.
Zum einen ist man ohne Venture Capital dazu gezwungen, sich auf das Geschäftsmodell zu konzentrieren, einen tatsächlichen Bedarf zu identifizieren und mit einem Produkt-Markt-Fit am Markt zu bestehen. Ohne Fremdkapital ist man unmittelbar auf Einnahmen durch Produktverkäufe angewiesen („Revenue-based Growth“).
Zum anderen bleibt die Kontrolle beim Gründungsteam, da keine Anteile verkauft werden. Es müssen keine Berichte an die Geldgeber ausgearbeitet und es müssen auch keine Zinsen getilgt werden. Stattdessen kann sich voll und ganz auf das Produkt konzentriert werden – ein echter Wettbewerbsvorteil.
Extraktive und ausbeuterische Geschäftsmodelle sind nicht per se wirtschaftlicher – diese Annahme ist vielmehr ein Narrativ, das ihre Existenz rechtfertigen soll.
Sicherung der Unternehmensmission
Hat man sein Unternehmen wie beschrieben ohne Fremdkapital hochgezogen (Bootstrapping), geht es nun auch darum, die Mission des Unternehmens langfristig zu sichern. Dabei gibt es bereits viele erfolgreiche Beispiele, die zeigen, wie es geht. (Ebenso gibt es viele Beispiele, die zeigen, wie sich durch Mission Drift Unternehmen gegen den Willen der Gründer in falsche Richtungen entwickeln.)
Steward Ownership (Verantwortungseigentum)
Steward Ownership nennt man die Trennung von Stimm- und Gewinnrecht. Dadurch wird der Verkauf und Exit verhindert und der Zielkonflikt zwischen Gewinnmaximierung und Mission des Unternehmens aufgelöst. Bekannte Beispiele sind Ecosia, Wildplastic und Goldeimer.
Exit to Community
„Exit to Community“ beschreibt den Ansatz, bei dem Unternehmen nicht an externe Investoren verkauft, sondern in gemeinschaftliches Eigentum überführt werden. Das können beispielsweise Nutzer, Mitarbeitende oder die lokale Gemeinschaft sein. Ziel ist es, Entscheidungen zu demokratisieren und die Gewinne den Gewinnschaffenden zu überlassen. Ein prominentes Beispiel ist die Drivers Cooperative in New York, in welcher die Fahrer zugleich Eigentümer der Plattform sind und direkt vom erwirtschafteten Gewinn profitieren. Weitere verwandte Konzepte sind die Genossenschaft, Plattform-Kooperative (Platform Coop) und Community Ownership Trusts.
Diese und weitere Strukturen verhindern einen Mission Drift durch die Einbindung von Stakeholdern in Entscheidungsprozesse und sorgen für eine geringere Kapitalflucht. Der langfristige Unternehmenserfolg wird anstelle von kurzfristigem Skalieren und Verkauf verfolgt.
Wichtig ist es, diese Strukturen frühzeitig zu implementieren, denn die Vergangenheit hat vielfach gezeigt, dass mit zunehmendem Wachstum und Kapitalzufluss oft systemische Dynamiken einsetzen, die Unternehmen in eine Richtung treiben, die ursprünglich nie beabsichtigt war. Ich bin mir sicher, dass die Gründer von Ankerkraut nicht ursprünglich vorhatten, an Nestlé zu verkaufen. OpenAI hat sich von einer gemeinnützigen Organisation in eine gewinnorientierte Kapitalgesellschaft verwandelt.
Hier passt erneut das Zitat von Charlie Munger: „Zeig mir den Anreiz, und ich zeige dir das Ergebnis.“. Wir müssen uns frühzeitig gegen falsche Anreize schützen und unser Unternehmen rechtlich dagegen absichern.
Transformation des Finanzsystems
Ein weiterer Interventionspunkt zur Förderung der Post-Growth-Ökonomie ist das Finanzsystem an sich. Auch hier können neue nicht-extraktive Finanzprodukte geschaffen werden, die zu einer Umverteilung von Vermögen und weniger externalisierten Kosten führen.
Bevor ich mit einem Beispiel starte, möchte ich noch kurz das gegenwärtige Finanzsystem mit der Post-Growth-Ökonomie gegenüberstellen. Dabei benutze ich PG als Abkürzung für Post-Growth und GFS für das gegenwärtige Finanzsystem.
| Kriterium | Gegenwärtiges Finanzsystem (GFS) | Post-Growth-Ökonomie (PG) |
|---|---|---|
| Fokus & Messwerte | Quantitatives Wachstum, BIP, Rendite. Spannungsfeld zwischen Kapitalrendite und planetaren Grenzen. | Qualitatives Wachstum. Auflösung des Wachstumsimperativs. |
| Zielsetzung | Gewinnmaximierung, Kapitalrendite, Wettbewerbsfähigkeit. | Förderung des Gemeinwohls durch soziale Gerechtigkeit und ökologische Nachhaltigkeit. |
| Finanzierung & Wertschöpfung | Banken und Risikokapital (Venture Capital). Finanzsystem ist 4–10 Mal größer als die Realwirtschaft. Großteil durch spekulativen Derivatehandel. | Regenerative Finanzierung durch echten Mehrwert. Überschneidung von Shareholder und Stakeholder. |
| Zeithorizont | Kurzfristiges, exponentielles Wachstumsimperativ. | Langfristiges, regeneratives und zyklisches Denken. |
Sich dem Finanzsystem zu entziehen und ein Leben als Einsiedler zu führen, gleicht meiner Meinung nach der Logik, bei einer Wahl nicht zu wählen. Stattdessen sehe ich mich in der Verantwortung, tatsächliche Alternativen aufzuzeigen und umzusetzen. Kommen wir wie versprochen zu einigen Vorzeigeprojekten der Post-Growth-Finanzbewegung.
Vorzeigeprojekte und die Demokratisierung der Finanzwelt
Ironischerweise stammt eines der wirkungsvollsten Finanzprodukte gegen finanzielle Extraktion vom Gründer von Vanguard – dem heute zweitgrößten Vermögensverwalter der Welt. Vanguard verwaltet aktuell rund 9 Billionen US-Dollar. Würde sich jeder Einwohner Deutschlands mit etwa 100.000 Euro beteiligen, entspräche das genau diesem Vermögen.
John C. Bogle gründete 1975 den ersten Indexfonds mit dem Ziel, Anlegern kostengünstige und transparente Investmentmöglichkeiten zu bieten. Statt ihnen durch teure Managementgebühren Geld abzuziehen, setzte er auf eine passive Anlagestrategie, die den Markt einfach abbildet. Damit legte Bogle den Grundstein für eine Revolution in der Finanzwelt, die Anleger vor übermäßiger finanzieller Extraktion schützt.
Im Jahr 2023 lag das weltweit in Indexfonds (ETFs) investierte Vermögen bei rund 11,4 Billionen US-Dollar. Die gesamte weltweite Geldanlage in Vermögenswerte („Assets under Management“) belief sich 2025 auf etwa 127 Billionen US-Dollar. Indexfonds machen damit rund 9 % des global verwalteten Vermögens aus – eine gewaltige Summe, die in kostengünstige, passive Produkte investiert ist und so weitgehend vor überhöhten Verwaltungsgebühren geschützt bleibt.
Das Asymmetrische Machtverhältnis der Stimmrechte
Bei dieser Menge an passiv verwaltetem Vermögen eröffnet sich eine weitere spannende Dynamik: Während immer mehr Menschen durch Indexfonds niederschwellig am Finanzmarkt teilnehmen können und so Renditen demokratisiert werden, bleiben die Stimmrechte den großen Vermögensverwaltern vorenthalten. Wenn ich monatlich in einen Indexfonds investiere, kaufe ich nicht direkt Aktien bei den einzelnen Unternehmen, sondern erwerbe Anteile an einem Fondsmanager, welcher die Aktien für mich hält.
Die Stimmrechte der Aktien gehen also nicht auf mich über, sondern verbleiben beim Fondsanbieter. Diese Verwalter stimmen so auf der Hauptversammlung im Namen von Millionen von Anlegern ab. Die Entscheidungsmacht liegt also weiterhin bei wenigen großen Akteuren.
Aber halt – es wird noch absurder: Diese Vermögensverwalter haben nicht die Kapazitäten, sich auf jede Generalversammlung vorzubereiten, oder wollen Ressourcen einsparen. Was also als gewinnorientierter Vermögensverwalter tun? Man lagert die Recherche und Entscheidungsfindung an sogenannte Stimmrechtsberater aus. Diese Berater analysieren Unternehmensstrategien, Vergütungsberichte, Umweltziele etc. und geben Abstimmungsempfehlungen aus. Diese werden oft automatisiert übernommen.
Und beim Markt an Stimmrechtsberatern muss man eher von einem Duopol reden: ISS (Institutional Shareholder Services) und Glass Lewis haben zusammen 90 % Marktanteil (60–65 % und 25–30 % Marktanteil).
Und so kommt es, dass ein Großteil der weltweiten Unternehmenspolitik maßgeblich durch zwei Unternehmen beeinflusst wird. Regulierung und Kontrolle hin oder her – dies ist ein extrem asymmetrisches Machtverhältnis. Wer entscheidet wirklich – und in wessen Interesse?