Strategische Vernetzung von Bibliotheken der Dinge – meine Bachelorarbeit
February 5, 2026
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Vom Verleih-Code zur Forschungsfrage
Am 5. Februar 2026 habe ich meine Bachelorarbeit abgegeben: „Strategische Vernetzung von Bibliotheken der Dinge in Deutschland – Eine Anforderungsanalyse lokaler, zivilgesellschaftlicher Bibliotheken der Dinge an eine bundesweite Infrastruktur“.
Die Idee dafür ist nicht am Schreibtisch entstanden, sondern direkt aus der Arbeit an Kulturdepot, der Verleihplattform für die Kulturszene Bremerhaven, die ich für das Kulturamt entwickle. Beim Programmieren musste ich viele Grundsatzentscheidungen treffen – über Datenstruktur, Prozesse, Lizenzierung, Rechtsform der Nutzung. Je tiefer ich darin steckte, desto deutlicher wurde der Verdacht: Andere engagierte Bibliotheken der Dinge (BdDs) in Deutschland lösen vermutlich isoliert genau dieselben Probleme. Daraus wurde der Wunsch, den Blick zu weiten – weg von einer einzelnen technischen Lösung, hin zur Frage, ob und wie sich diese Initiativen bundesweit vernetzen könnten.
Das ist gleichzeitig eine Korrektur gegenüber meinem ursprünglichen Plan. In „Vom Interesse zur Forschungsfrage“ hatte ich noch eine ganz andere Richtung skizziert: ein FinTech-Thema mit Fokus auf postwachstumsorientierte Finanzprodukte. Diese Spur habe ich nicht weiterverfolgt. Stattdessen hat sich während der konkreten Arbeit an Kulturdepot ein Thema herausgeschält, das näher an meinem eigentlichen Alltag lag – und am Ende auch besser zu meinem technischen Hintergrund passte. Dieser Artikel ist der Rückblick auf das, woraus die Arbeit tatsächlich geworden ist.
Sharing Economy und Bibliotheken der Dinge
Den theoretischen Rahmen der Arbeit bildet die Sharing Economy – nach Rachel Botsman eine Wirtschaft, die auf dezentralen Netzwerken von Einzelpersonen und Gemeinschaften statt auf zentralen Institutionen aufbaut. Das globale Marktvolumen wird auf 366 Milliarden US-Dollar geschätzt, mit einer prognostizierten Steigerung auf 1,4 Billionen US-Dollar bis 2030.
Gleichzeitig zeigt die Forschung ein Spannungsfeld: Auf der einen Seite stehen plattformkapitalistische Anbieter wie Airbnb oder Uber, denen Kritiker wie Evgeny Morozov „neo-liberalism on steroids“ vorwerfen. Auf der anderen Seite stehen Graswurzel-Initiativen, die Konsum und Ungleichheit adressieren wollen – aber unter dem Risiko des sogenannten Mission Drift stehen: Mit der Zeit können sich auch gemeinnützige Organisationen zunehmend kommerzialisieren und ihre ursprüngliche soziale Mission verwässern. Wie man sich strukturell dagegen absichern kann, beschreibt der Artikel über Post-Growth Entrepreneurship (Teil 2).
Bibliotheken der Dinge (BdDs), im Englischen „Libraries of Things“, sind eine Sonderform der Sharing Economy, die diesem Drift durch eine gemeinschaftliche Organisations- und Entscheidungsstruktur entgegenwirken soll. Eine Studie unterscheidet vier Archetypen: öffentlich-zu-Bürger (etwa Stadtbibliotheken mit Dingen im Sortiment), gemeinschaftsgetrieben-kostenlos, gemeinschaftsgetrieben-gebührenbasiert und wachstumsorientiert-gebührenbasiert. In Deutschland gibt es laut OCLC-Liste rund 192 BdDs und im Netzwerk gemeinnütziger Leih-Initiativen im DACH-Raum 46 Einträge – größtenteils eingetragene Vereine ohne überregionale Anbindung.
Forschungsfrage und Vorgehen
Die zentrale Forschungsfrage der Arbeit lautet:
Welche organisatorischen, technischen, rechtlichen, personellen und sozialen Anforderungen stellen zivilgesellschaftliche Bibliotheken der Dinge in Deutschland an eine bundesweite Infrastruktur zur Förderung des gemeinschaftlichen Leihens?
Um das zu untersuchen, habe ich semistrukturierte Experteninterviews geführt – nach dem methodischen Standardwerk von Kvale und Brinkmann und einem Leitfaden von Scribbr. Von 18 eingeladenen Personen haben zehn zugesagt: Initiator:innen und Mitarbeitende lokaler BdDs, Mitarbeitende kommunaler Wirtschaftsförderungen, eine Sharing-Economy-Forscherin und ein Betreiber einer kommerziellen Verleihplattform. Die Interviews dauerten 60 bis 90 Minuten und wurden über Google Meet automatisiert transkribiert und anschließend bereinigt.
Ausgewertet habe ich die Transkripte mit der qualitativen Inhaltsanalyse nach Mayring – einer regelgeleiteten Methode, die qualitative Interpretation mit einer quantitativen Auszählung von Kategorien verbindet. Fünf Hauptkategorien habe ich deduktiv aus der Forschungsfrage abgeleitet (Organisation, Technik, Recht, Personal, Sozial) und anschließend induktiv aus dem Material in 20 Unterkategorien verfeinert. Mit Unterstützung von Google Gemini und NotebookLM habe ich daraus insgesamt 177 Kodiereinheiten – einzelne Aussagen mit konkretem Anforderungsbezug – kategorisiert und paraphrasiert.
Ergebnisse: Was BdDs für eine bundesweite Vernetzung brauchen
Organisatorisch
Die Wahl der Rechtsform – Verein, Stiftung oder Dachverband – ist für die Expert:innen eine strategische Grundentscheidung, weil sie Förderzugang und Steuerstatus bestimmt. Diskutiert wurde auch, ob etablierte BdDs an Stadtbibliotheken angebunden werden sollten: Das bringt Fachwissen und Infrastruktur, kann aber das Ehrenamt durch Bürokratie verdrängen. Finanzierungsmodelle reichen von Flatrate-Abos (wie bei der BdD Bochum) über Spenden bis zu öffentlichen Förderungen – mit dem Grundkonflikt, dass Gebühren der sozialen Zugänglichkeit entgegenstehen können.
Technisch
Hier herrschte unter den Befragten die größte Einigkeit: gewünscht sind eine leistungsfähige Such- und Buchungsfunktion, eine einfache Inventarverwaltung für Ehrenamtliche und eine Übersetzungsfunktion für mehrsprachige Zielgruppen. Bei der Architekturfrage – zentral vs. föderal – war die Mehrheit für ein föderales Modell, bei dem die Datenhoheit bei den lokalen BdDs bleibt, aber ein gemeinsamer Standard (Vorbilder: MARC im Bibliothekswesen, GTFS im Nahverkehr, oder ein Protokoll nach dem Vorbild von Mastodon) Netzwerkeffekte ermöglicht. Eine zentrale Lösung wurde als Risiko für Autonomie und Monopolbildung gesehen. Bei der Open-Source-Frage gab es starke Meinungsunterschiede: Transparenz und Unabhängigkeit stehen gegen das Risiko von „Tech Debt“, wenn das Engagement der Community nachlässt.
Rechtlich
Eine Dachstruktur könnte Sammelversicherungen für Leihgegenstände aushandeln und rechtssichere Vorlagen für AGB, Nutzungsverträge und Haftungsregelungen bereitstellen. Bei der Identitätsprüfung reicht die Praxis aktuell von der Ausweisnummer auf Papier bis zum digitalen Benutzeraccount – ein einheitlicher, DSGVO-konformer Verifizierungsmechanismus über die BundID wurde als mögliche Lösung genannt. Auch die Abgrenzung zwischen ehrenamtlicher Tätigkeit und Gewerbe ist rechtlich relevant, sobald Plattformen auch kommerzielle Anbieter aufnehmen.
Personell
Viele BdDs laufen ausschließlich ehrenamtlich – das senkt Kosten, stößt aber bei Öffnungszeiten, Plattformpflege und Koordination an Grenzen. Genannt wurden Hybridmodelle mit Bundesfreiwilligenstellen sowie das langfristige Ziel bezahlter Stellen, ohne dabei ehrenamtliches Engagement zu verdrängen. Eine Dachstruktur könnte zudem den „Bus-Faktor“ reduzieren, also die Abhängigkeit von einzelnen Wissensträger:innen, indem sie Leitfäden, Lessons Learned und erfolgreiche Förderanträge zentral sammelt.
Sozial
BdDs verstehen sich oft als „dritter Ort“ – ein nicht-kommerzieller Begegnungsraum gegen Einsamkeit, ergänzt um Repair-Cafés und Workshops. Mangelnde Bekanntheit wurde als Dauerproblem genannt; eine zentrale, interaktive Karte aller BdDs könnte hier helfen. Als wichtigste soziale Funktion einer Dachstruktur wurde aber die Rolle als Sprachrohr gegenüber der Politik genannt, um Anerkennung und Legitimität der Bewegung zu stärken – bei gleichzeitiger Sorge vor politischer Abhängigkeit, etwa bei Kürzungen öffentlicher Mittel.
Handlungsempfehlungen: Die Dachstruktur als Dienstleister
Aus den Ergebnissen leite ich in der Diskussion eine zentrale Rollenklärung ab: Eine bundesweite Dachstruktur sollte sich als Dienstleister für ihre Mitglieder verstehen, nicht als zentralisierte Entscheidungsinstanz. Aufgaben, die ortsunabhängig sind – Softwareentwicklung, Förderanträge, Kooperationsaufbau, Lobbyarbeit – können zentral gebündelt werden. Aufgaben mit direktem Bezug zur lokalen Community – Ausleihe, Inventarisierung, Identitätsprüfung, soziale Interaktion – bleiben bei den BdDs vor Ort.
Als Referenzmodell dient der Verbund Offener Werkstätten, ein 2012 gegründeter Dachverband mit über 500 Mitgliedswerkstätten, der fachliche Beratung, Netzwerktreffen, Weiterbildung, Steuerberatung und eine gemeinsame Versicherung bietet – und dabei die operative Freiheit der einzelnen Werkstätten bewahrt.
Konkret leite ich daraus Empfehlungen entlang der fünf Kategorien ab: eine Rechtsform mit robuster, missionssichernder Satzung und diversifizierter Finanzierung; einen offenen Datenstandard plus föderale Systemarchitektur statt einer zentralen Plattform; gebündelte Versicherungen und rechtliche Vorlagen; ein fest angestelltes Kernteam zur Koordination plus nicht-monetäre Anreizsysteme fürs Ehrenamt; und eine aktive Rolle in Öffentlichkeitsarbeit und politischer Interessenvertretung.
Fazit und offene Fragen
Die Arbeit zeigt: Eine bundesweite Dachstruktur für BdDs kann erfolgreich sein, wenn sie die Balance zwischen effizienter Zentralisierung – etwa bei Softwareentwicklung und Lobbyarbeit – und der Autonomie der lokalen Initiativen findet. Sie soll lokale Gestaltungsspielräume nicht beschneiden, sondern in ihrer Wirkung bestärken.
Offen bleiben dabei einige Fragen, die ich als Forschungslücken markiere: Wie stehen Endnutzer:innen zu einer zentralisierten Lösung und zum Thema Datenschutz? Welche Rolle könnten öffentlich geförderte BdDs einnehmen? Und – grundsätzlicher – wie nachhaltig ist das Konzept angesichts möglicher Rebound-Effekte tatsächlich, und ab welchem Grad an Kommerzialisierung kippt der soziale und ökologische Mehrwert?
Kritische Reflexion
Ein paar Punkte zur Einordnung der Ergebnisse: Die Motivation der Arbeit ist aus meiner eigenen Programmierarbeit an einer Verleihsoftware entstanden, was eine technische Voreingenommenheit mitbringt – vier der zehn Expert:innen haben selbst einen technischen Hintergrund und sprechen sich mehrheitlich für Open Source aus. Die Stichprobe ist regional wenig divers (vier der Befragten kommen aus Bremen, eine Person aus Wien), und es wurden ausschließlich Personen aus zivilgesellschaftlichen BdDs und Wirtschaftsförderungen befragt – nicht aber Endnutzer:innen oder Vertreter:innen klassischer öffentlicher Bibliotheken.
Bemerkenswert fand ich den Begriffswechsel im Laufe der Arbeit: Anfangs stand der Begriff „zentrale Plattform“ im Vordergrund. Im Verlauf der Interviews hat sich gezeigt, dass die Anforderungen der BdDs vielschichtiger sind als eine reine Softwarefrage – daraus ist der Begriff „Dachstruktur“ entstanden, bewusst offener und weniger technisch. Diese Verschiebung war für mich der eigentliche Erkenntnisgewinn der Arbeit: weg vom Lösungsentwurf, hin zur offenen Frage nach Bedarf und Form der Vernetzung.
Mein Erstgutachter hat mir zwei Ratschläge mitgegeben, die sich am Ende bestätigt haben: Eine Bachelorarbeit muss nicht die Welt retten, und sie braucht einen engen Fokus. Wissenschaftliche Qualität entsteht nicht durch Größenmut, sondern durch Tiefe.
Wo das alles am Ende hinführt – auch in Bezug auf meine anderen Learnings aus dem Studium – und wie sich die Arbeit konkret mit Kulturdepot verzahnt, wird sich zeigen, sobald die Plattform selbst in den Testbetrieb geht.