Zurück zu den Artikeln
SachbuchPsychologieGesellschaft

Factfulness – Die Welt ist besser, als wir denken

12. Dezember 2020

Factfulness – Die Welt ist besser, als wir denken

Problemstellung

Ich bezeichne mich mit aller Überzeugung als Optimist – das Glas ist immer halb voll und mein abgebrochenes Studium hat sicherlich mehr Vorteile als Nachteile. Doch wie sieht die Welt der anderen Menschen dort in der Dritten Welt aus, eben jener, dessen Glas eher leer ist? Abseits meiner eigenen Erfahrungen wirkt die Welt unfair und gefährlich, und die Erde wird mit Sicherheit bald durch Hitzeperioden zu Grunde gehen.

Dass mich das Buch Factfulness, empfohlen von einem Teampreneur während der ersten Team-Sitzung, meiner pessimistischen Weltansicht entlarven würde, hatte ich zu dem Zeitpunkt nicht geahnt. Schon nach der Einleitung kristallisierte sich für mich folgende Frage heraus:

Stimmt meine Weltansicht mit der Realität überein, und wie kann ich in Zukunft eine faktenbasierte Weltansicht erlangen, die mir hilft, rationale Entscheidungen zu treffen?

Rezension

Das Buch Factfulness vom schwedischen Statistiker Hans Gösta Rosling (1948–2017), entstanden in Zusammenarbeit mit seiner Schwiegertochter Anna Rosling Rönnlund und seinem Sohn Ola Rosling, wurde erstmals 2018 unter dem Titel Factfulness: Ten Reasons We're Wrong About the World – and Why Things Are Better Than You Think veröffentlicht.

Das Buch zeigt uns zehn Instinkte auf, die uns dazu veranlassen, die Welt nicht so zu sehen, wie sie tatsächlich ist. Der Autor stützt seine Aufzählung mit selbsterlebten Beispielen und anschaulichen Statistiken. Durch jahrelange Erfahrungen als Arzt in Krisengebieten verfügt er über genug Praxiserfahrung, um eine ausgewogene Mischung aus Praxis und Theorie zu schaffen.

Viele Fallbeispiele und Statistiken, die den Leser an geeigneten Stellen ins Staunen versetzen, untermauern seine Thesen. Der Anhang umfasst rund 100 Seiten und liefert genügend Quellenverweise für eine vertiefte Auseinandersetzung.

Phasenweise ist mir das Buch zu langwierig, bietet aber durch eine klare Struktur innerhalb der Kapitel genug Möglichkeiten, diese an geeigneter Stelle zu überspringen. Durch die einfache Wortwahl und anschauliche Beispiele ist das Buch für jeden zugänglich, wodurch der Informationsfluss jedoch teilweise etwas ins Stocken gerät.

Besonders gut gefallen haben mir die Geschichten aus dem rasanten Leben des Autors zu Beginn eines jeden Kapitels sowie die abschließenden Zusammenfassungen. Trotz der Möglichkeit, einzelne Passagen zu überspringen, habe ich das Buch von Deckel zu Deckel gelesen.

Die zehn Instinkte

Rosling beschreibt zehn evolutionär bedingte Instinkte, die unser Denken verzerren:

  1. Der Instinkt der Kluft – unser Hang zum Schubladendenken, der Gruppen klar voneinander trennt.
  2. Der Instinkt der Negativität – wir nehmen Gefahren verstärkt wahr, das Ungleichgewicht zwischen positiven und negativen Fakten führt zu einer verzerrten Sichtweise.
  3. Der Instinkt der geraden Linie – wir gehen fälschlicherweise von linearen Entwicklungen aus, obwohl komplexe Systeme sich anders verhalten.
  4. Der Instinkt der Angst – in Überlebenssituationen verdrängt intuitives Verhalten das rationale Denken.
  5. Der Instinkt der Dimension – einzelne, nicht in Relation gesetzte Zahlen vermitteln einen falschen Eindruck.
  6. Der Instinkt der Verallgemeinerung – Attribute einer Teilmenge werden fälschlicherweise auf die Gesamtheit übertragen.
  7. Der Instinkt des Schicksals – wir verschließen uns davor, dass langsame Veränderung langfristig für durchgreifenden Wandel sorgt.
  8. Der Instinkt der einzigen Perspektive – er begrenzt unsere Fähigkeit, Probleme aus verschiedenen Blickwinkeln zu betrachten.
  9. Der Instinkt der Schuldzuweisung – vorschnelle Schuldzuweisungen verhindern, die wahre Ursache hinter einem Problem zu erkennen.
  10. Der Instinkt der Dringlichkeit – in stressigen Situationen werden wir zu vorschnellem Handeln verleitet.

Wichtig ist: Diese Instinkte sind evolutionäre Anpassungen und auch heute noch von großer Bedeutung. Sie helfen uns, Muster zu erkennen und in Gefahrensituationen angemessen zu reagieren. Gleichzeitig können sie das Denken trüben, indem sie die tatsächlichen Gegebenheiten filtern und manipulieren.

Persönliche Auseinandersetzung

Meine Weltansicht vor dem Lesen

Vor der Lektüre war ich fest davon überzeugt, dass es auch heute noch eine weite Kluft zwischen Arm und Reich, zwischen Gebildeten und Ungebildeten und zwischen der westlichen und der restlichen Welt gibt. Auch wenn ich mich nicht von den Medien geprägt fühlte, war ich der Auffassung, dass der Großteil der Menschheit ohne Strom und regelmäßige Mahlzeiten lebt.

Im Schulunterricht wurde uns vom Kastensystem in Indien, den Slums der Weltmetropolen und den unwürdigen Bedingungen in Afrika berichtet. Untermauert von täglichen Nachrichten, die denselben Trugschlüssen unterliegen, ist meine Wahrnehmung der Welt langsam, aber stetig ins Negative gerückt.

Was das Buch verändert hat

Wie ich schnell erkennen musste, war meine Weltansicht stark verzerrt – und ist es teilweise nach wie vor. Instinkte sind evolutionsbedingte Anpassungen und lassen sich nur bedingt beeinflussen. Das Buch gibt jedoch die nötigen Werkzeuge mit, zukünftige Informationen unter dem nun bewussten Einfluss der Instinkte auf ihre Wahrheit zu prüfen und in einen ganzheitlichen Rahmen einzuordnen.

Natürlich gibt es auch heute noch Kinder auf der Welt, die ohne medizinische Grundversorgung und schulische Bildung ihren Alltag bestreiten. Auch gibt es Kinder, die wenige Tage nach der Geburt an Hunger sterben. Diese Tatsachen zu leugnen wäre fatal und schlichtweg menschenverachtend. Doch Dinge können schlecht sein und dennoch besser werden.

In den vergangenen 20 Jahren hat sich der Anteil der in extremer Armut lebenden Weltbevölkerung mehr als halbiert. Nach den Umfrageergebnissen des Autors kennt nicht einmal jeder Zehnte die richtige Antwort. Diese totale Fehleinschätzung kann dazu führen, dass jede Bemühung, das Leiden der Menschen zu beseitigen, zwecklos erscheint. Dadurch reduziert sich die Bereitschaft, an lösungsorientierten Konzepten mitzuwirken.

Wie ich faktenbasiertes Wissen verankere

Der über Jahre gesammelte Wissensschatz, der durch eine verzerrte Wahrnehmung gebildet wurde, lässt sich nicht ohne Weiteres durch faktenbasiertes Wissen ersetzen. Das Buch bildet die Grundlage, indem es uns unserer Instinkte bewusst werden lässt. Mein gesammeltes Wissen muss nun über Jahre hinweg durch eine rationale, nicht emotionale Auseinandersetzung mit der Weltlage korrigiert werden.

Hilfreich sind dabei die Kurzanleitungen, die als Zusammenfassung der einzelnen Kapitel dienen: Erkenne, wann eine Erzählung durch einen Instinkt um ihre Wahrheit verzerrt wird, und erarbeite die objektive Wahrheit dahinter. Um diesen Prozess zu vereinfachen, gibt der Autor hilfreiche Methoden mit auf den Weg – eine Anleitung, die langfristig den Grundsatz meiner Bewertung von Erzählungen und Erfahrungen bilden soll.

Fazit

Das Buch Factfulness wird seinem Anspruch in vollem Umfang gerecht: „Wie wir lernen, die Welt so zu sehen, wie sie wirklich ist.“ Durch prägnante Beispiele aus dem Leben des Autors bleiben mir die Instinkte mit Sicherheit lange im Gedächtnis und bilden die Grundlage, meine Weltansicht nachhaltig zu korrigieren.

Im Bezug zum Unternehmertum eröffnen sich mit dem Wissen, dass 85 % der Weltbevölkerung einen Stromanschluss und 90 % einen Grundschulabschluss haben, völlig neue Potenziale der Nachfrage und Arbeitsbeziehungen in allen Teilen der Welt.

Ich stelle die steile These auf, dass dieses Werk Pflichtlektüre eines jeden Menschen sein sollte. Ein faktenbasiertes Weltbild ist unabdingbar in einer globalen, schnelllebigen Gesellschaft, denn Megatrugschlüsse, die durch unsere Instinkte provoziert werden, beeinflussen unser Handeln und führen zu gravierenden Fehlentscheidungen.

Quellenverzeichnis